Fehlgeburt Teil 2

16. Dezember 2015

Der Wecker klingelt. Heute ist der Tag. Heute wird mein Baby ausgeschabt.

Wir stehen auf und ich bin super nervös. Dieses Wissen, dass unser Baby nicht im Juli 2016 kommen wird. Das wir es nicht kennenlernen werden und überhaupt, dass ich gleich operiert werde, das macht mich fertig. Alles fühlt sich so falsch an.

Bei diesen ganzen Gedanken bahnt sich die Trauer ihren Weg und ist nicht mehr zu stoppen. Ich weine. Und kann nicht mehr aufhören.

Und gleichzeitig ist da auch dieses Gefühl, dass ich mein totes Baby nicht mehr in meinem Körper haben möchte. Ich weiß, dass es Frauen gibt, die die natürliche Blutung abwarten. Aber ich konnte es nicht. Es hat sich so falsch und unwirklich angefühlt, dass ich diesem Alptraum so schnell, wie möglich entfliehen wollte.

Im Krankenhaus

Da angekommen, fing das große deutsche Bürokratie-Rad an, sich zu drehen.

Wir hatten sogar einen Termin und waren für die Ausschabung angemeldet. Das bedeutete aber leider nicht, dass ich "es" bald hinter mir habe. Nein, da fing´alles gerade erst an.

Wir meldeten uns also vorne bei der Anmeldung und durften dann, nachdem wir vorne kurz erzählen mussten, warum wir überhaupt da sind - es war schlimm, es fremden Personen unter die Nase reiben zu müssen. Aber ich hab´mir gedacht: "Ok. Dann geht´s jetzt los. Die haben das nun in ihren Computern stehen." Leider, wie ich feststellen musste, gibt es im Krankenhaus anscheinend nur so Papp-Attrappen-Computer. Ich komme da gleich nochmal drauf zurück.

Wir sind dann hoch in die Gynäkologie und haben gewartet. Und gewartet und noch mehr gewartet. Irgendwann kam eine Schwester zu uns...es könnte auch eine Hebamme gewesen sein. Auch ihr mussten wir wieder erzählen, was passiert ist und warum wir hier sind. Ich gab´ihr die Überweisung ab und sie erzählte, was gleich passieren würde.

Jetzt gerade hier beim schreiben, merke ich, wie wahnsinnig schwer ich mich an Details erinnern kann. Ich hab´mich seit der Diagnose einfach nur gefühlt, wie in einer Wolke und bin weinend, mit verquollenen Augen und schweren Beinen an der Hand meines Mannes mitgegangen.

Nachdem der erste Papierkram erledigt war, wurde mir Blut abgenommen. Keine Ahnung warum. Ist halt ein Krankenhaus...da wird halt Blut abgenommen. Der beste Spruch der super empathischen Schwester war: "Ich weiß, dass es für sie schlimm ist, aber sie müssen sich jetzt zusammenreißen. Der Papierkram muss nunmal erledigt werden." Ja klar! Ich reiß´ mich jetzt einfach mal zusammen. Dann stellte sie mir tausend Fragen, zu Allergien, Krankheiten und so weiter. Selbst, wenn sie es nicht böse gemeint hat, so kommt so ein Satz einfach nie gut an in so einer Situation.

Rauf und runter

Trotz meiner Verfassung... aus medizinischer Sicht hatte ich ja nichts...gefühlt habe ich mich trotzdem, als hätte mich jemand durch den Fleischwolf gezogen, mussten mein Mann und ich die Medikation besprechen und auch mit dem Narkosearzt quatschen. Da ich kein Notfall war und laufen konnte, mussten wir also wieder komplett runter fahren, durch das Labyrinth namens Krankenhausflure laufen und wieder Platz nehmen und warten. Wir saßen da also im Gang und warteten, dass irgendjemand uns anspricht und wir den Rest erledigen konnten.

Die ganze Zeit sind alle möglichen Patienten vorbei gelaufen und haben mich nur wahnsinnig mitleidig angesehen. Es war nicht zu übersehen, dass es mir nicht gut ging und jeder Blick hat den Tränenwall gebrochen. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie es sein kann, dass ein Mensch so viel weinen kann.

Irgendwann wurden wir aufgerufen. Und auch da durfte ich wiedereinmal erzählen, was gleich passieren sollte. Wie gesagt, die haben halt nur Attrappen und keine Computer. Und es war jedesmal auf´s Neue schlimm, sagen zu müssen, dass ich zur Ausschabung da bin. Wieso notieren die sich das nicht einfach vernünftig?

Noch ein letzter Blick in den Bauch

Als dann dieser ganze Papierkram endlich erledigt war. Ich muss dazu sagen, dass wir morgens um 8 Uhr bereits im Krankenhaus waren und diese ganze Papierkram-Mühle ca. gegen Mittag erledigt war. Auf jeden Fall durften wir dann auf´s Zimmer gehen.

Da meine Frauenärztin einen Tag vorher festgestellt hat, dass das Herzchen nicht schlägt, musste auch im Krankenhaus noch einmal ein Ultraschall gemacht werden. Das ist auch besser so, um wirklich sicherzustellen, dass die Diagnose auch korrekt ist. Wäre auch schlimm, wenn nicht.

Die Ärztin war echt mega freundlich und super mitfühlend. Sie drückte mich und sagte Sachen, wie: "Ach du arme Maus, das ist so traurig!" Mein Mann war sauer, dass ich durch ihre Worte wieder und wieder anfing zu weinen, aber mir hat das echt gut getan. Diese ganze herzlose Maschinerie. Es tat gut, auch mal als Mensch wahrgenommen zu werden, der gerade einfach etwas ganz schlimmes erlebt.

Ich weiß natürlich auch, dass das gesamte Krankenhauspersonal nicht jeden Patienten ständig in den Arm nehmen kann. Dann wären die Wartezeiten wahrscheinlich noch 10 mal länger. Aber in dem Moment habe ich mich einfach gefreut, dass da jemand Außenstehendes sagt und auch nachfühlt, wie schlimm gerade die ganze Situation für mich ist.

Ich setzte mich also wieder auf den Stuhl für die Untersuchung und mein Mann stand seitlich neben mir und wir hielten uns aneinander fest. In dem Moment konnte auch mein Mann seine Trauer nicht mehr verbergen. Auch er hat gerade sein Baby verloren, auf das er sich so unendlich doll gefreut hat.

Den Bildschirm hatte die Ärztin ausgeschaltet, sodass wir nicht mit zusehen konnten. Und zum zweiten Mal wurde uns bestätigt, dass sie keinen Herzschlag erkennen konnte.

Die letzte Hoffnung, dass vielleicht doch noch alles gut werden wird, stirbt.

Ich klettere wieder runter. Ziehe mich an und mein Mann und ich setzen uns an den Tisch, um mit der Ärztin zu sprechen.

Sie fragte, ob wir das Ultraschallbild sehen wollen, was sie gerade gemacht hat. Und ich griff quasi schon danach.

Ich sehe es mir an und bin ganz erstaunt darüber, was der menschliche Körper alles leisten kann. Von unserem kleinen Gummibärchen war nichts mehr zu sehen. Es war nur noch ein dunkler Fleck. Der Körper hat gemerkt, dass etwas nicht stimmt und hat bereits angefangen die Schwangerschaft rückgängig zu machen. Ganz hart gesagt, das Gewebe wurde bereits zersetzt, um es abzustoßen.

Ich war ganz perplex. Ich hatte mit einem Gummibärchen gerechnet...nicht mit so etwas.

Humangenetik

Schon am Tag vorher hat meine Ärztin mir ans Herz gelegt, den Fötus humangenetisch untersuchen zu lassen. Warum? Ich hab´doch im Teil 1 erzählt, dass ich beim Ultraschall die ganze Zeit gedacht habe "Wo ist das Baby? Wo ist das Baby?"

Aber genau das war bereits das Baby. Das Köpfchen war leider so deformiert, dass meine Ärztin sagte, dass sie die humangenetische Untersuchung auf jeden Fall machen lassen würde. Also stand dies in der Überweisung für das Krankenhaus auch drin.

Die nette Ärztin aus dem Krankenhaus sah sich die Überweisung genauer an und bestätigte, dass auch sie die humangenetische Untersuchung empfehlen würde. Die Schwester, die auch die Op-Termine im Blick hatte und während der Untersuchung anwesend war, schaute etwas skeptisch und sagte: "Wenn die humangenetische Untersuchung gemacht werden soll, dann kann die Op heute nicht mehr stattfinden. Das Gewebe kann heute niemand mehr zur Humangenetik in der Uni-Klinik bringen."

Ich konnte und wollte die Op aber nicht mehr verschieben. Dieser Alptraum musste einfach ein Ende haben.

Die Schwester und die Ärztin sahen unseren Blick und die Schwester sagte: "Wenn Sie die Op heute unbedingt haben möchten, dann müssten Sie das Gewebe auch zur Uni-Klinik bringen."

Krass oder?? Wir waren schockiert und sprachlos.

Und stimmten zu.

Im Nachhinein habe ich es so sehr bereut, dass mein Mann diese Last auf sich genommen hat. Er hat nach der Op, die Überreste unseres Babys auf dem Beifahrersitz zur Uni-Klinik einmal quer durch die Stadt gebracht. Einfach nur fahrlässig von dem Krankenhaus so etwas überhaupt vorzuschlagen. Und wir viel zu schockiert, einmal durch diese ganze Situation und dann noch durch diesen Vorschlag.

Aber so war es leider. Und im Nachhinein ist man bekanntlich immer schlauer.

 

Die Ausschabung

Auf dem Zimmer angekommen, zog ich mich dann irgendwann um und die Ausschabung stand kurz bevor.

Ich wurde Richtung Op geschoben. Mein Mann küsste mich und sagte, dass er mich liebt. Dann ging die Tür hinter mir zu und nur noch das Klinikpersonal durfte in diesen Bereich des Krankenhauses.

Ich fing wieder furchtbar an zu weinen. Jetzt wurde es wirklich wahr. Die Op, die Vollnarkose, die Ausschabung würde gleich losgehen. Der Höhepunkt meines ganz persönlichen Alptraumes.

Der Anästhesiearzt versuchte mich zu beruhigen und sagte, dass ich doch noch so jung sei und bestimmt bald ein gesundes Baby bekommen werde. Meine Antwort war unter Tränen: "Ich will nicht irgendein anderes Baby. Ich will dieses hier!"

Es war einfach schlimm. Ich finde dazu gerade beim Schreiben einfach keine passenden Worte. Alle, die diesen Alptraum selber schon erlebt haben, können nachvollziehen, wie schrecklich das alles ist.

Dann wurde ich in die Narkose gelegt ...

Wisst ihr, wie unfassbar schnell so eine Ausschabung erledigt ist? Das ist ein Routineeingriff und nach nur wenigen Minuten...lasst es 10 Minuten gewesen sein, war ich wieder wach.

Ich lag´im Aufwachraum und der Arzt, der mich auch operiert hat, kam herein und fragte mich, wie es mir geht. Es war ok. Ich war müde und kaputt...weniger von der Op selber, als viel mehr von der ganzen Situation selbst. Er sagte mir, dass alles ohne Komplikationen abgelaufen ist und mein Mann auch gleich da sein wird. Er musste ja noch zur Humangenetik.

Wieder auf dem Zimmer

angekommen, lag ich nur da. Mit geschlossenen Augen und dachte an meinen Mann, wie furchtbar es für ihn sein musste mit unserem Baby durch Münster zu fahren. Alleine bei dem Gedanken daran, werde ich wütend.

Eine gefühlte Ewigkeit später kam er rein. Er umarmte mich fest und fragte, wie es mir ging. Und wisst ihr, wie es mir ging? Ich fühlte mich einfach so leer! Es war so unwirklich. Und ich vermisste dieses Baby so sehr! Unser Baby.

 

 

 

Im dritten Teil erzähle ich euch, was bei der Humamgenetik rausgekommen ist und wie wir den Mut wieder bekommen haben, nach so einem Schock und so einer Erfahrung, es doch noch einmal zu versuchen. To be continued ....

 

3 Kommentare to “Fehlgeburt Teil 2

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Hallo Liebe Olga…..

Genau an diesem Tag, an welchem du den Teil deiner traurigen Geschichte hier veröffentlicht hast, habe ich daselbe durchgemacht wie du vor 2 Jahren.
Am 29.12.17 um 22.30 Uhr wurde unser Baby ausgeschabt und somit ein Teil von meinem Herzen herausgerissen. Der ganze Ablauf im KH, die mitleidenden Blick der anderen Patienten und vorallem die “aufmunternden Worte” des Personals habe ich gleich erlebt wie du!
Die Leerheit die du am Schluss beschreibst fühle ich zurzeit immer noch und umarme dich ganz fest. Es tut mir Leid, dass du diesen Schmerz auch durchmachen musste!

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    Liebe Marion!
    Es tut mir so unfassbar Leid, dass du das auch durchstehen musstest! Ich umarme dich ganz fest. Den Schmerz vergisst man nicht, aber man lernt damit zu leben. Fühl dich ganz fest umarmt!
    Deine Olga

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Liebe Olga,
ich fühle mich zurück versetzt an den 27.02.2017 als mein kleines Baby ausgeschabt wurde. Ich habe es genauso erlebt wie du und wurde immer wieder gefragt, ob es denn ein Wunschbaby bzw. geplant gewesen sei. Als wäre das in irgendeiner Weise von Belang gewesen! Außerdem lag ich auf der Wöchnerinnenstation und hörte beim Warten auf die OP die kleinen Babys schreien und hätte am liebsten laut mitgeschrieben. Seit diesem Februar bin ich nun Mama eines kleinen zauberhaften Jungen und konnte die Fehlgeburt (ebenfalls in der 10. SSW) gut wegpacken, aber beim Lesen deines Beitrags musste ich doch die eine oder andere Träne vergießen. Aber die Tränen trocknen mittlerweile schneller, weil ich nun Mama bin. Übrigens war es fast schicksalhaft, denn der errechnete ET meines Sohnes war auf den Tag genau 1 Jahr nachdem ich erfahren habe, dass unser erstes Baby keinen Herzschlag mehr hat. Fühl dich fest umarmt, das Thema Fehlgeburt muss endlich aus dem Schatten kommen und sollte und darf einfach kein Tabuthema bleiben, denn es sind so viele Frauen davon betroffen!

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