Alle Texte Baby

Das erste Kind – zwischen „Ich bin so glücklich, ich könnt´ heulen!“ und „Ich heule, weil das Klo meine Rettungsinsel ist!“

Ich sitze in einem, auf die Farbe des Zimmers abgestimmten, weißen Sessel. Die Sonne scheint fließend durch die weiße, leicht durchsichtige Gardine und taucht den Raum in warmes Licht. Eine Uhr tickt leise an der Wand "tick tack tick tack". Daneben hängt eines dieser modernen Vintage-Bilder mit dem Spruch "My Love, My Life, My Heart". In der anderen Ecke des Raumes steht das frisch bezogene Babybettchen. Die silbergraue Babydecke verbreitet einen zarten Duft nach Rosenblüten und im Bettchen liegt ein handgemachtes Kissen mit dem Namen des Babys in zartrosa.

Ich summe ruhig und gleichmäßig eine bekannte Einschlafmelodie und halte ganz vorsichtig mein neu geborenes Baby - eine Tochter - im Arm. Mein Baby saugt vorsichtig an meiner Brust und schläft dann friedlich ein. Ich versuche mich kaum zu bewegen, um mein Baby nicht zu stören und genieße einfach nur den Anblick dieses kleinen Wunders in meinem Arm, auf das sich mein Mann und ich ganze 40 Wochen gefreut haben. Sie hat Papas Augen, aber meine Nase. Es klopft leise an der Tür und mein Mann, der Vater dieses wundervollen Babys....

Aufprall in der Realität

WHAT THE FUCK??? Sind wir hier in einer Waschmittel-Weichspüler-Werbung oder was? Nein, leider nicht, denn genau so, GENAU SO! wird uns Schwangeren die Zeit mit einem neu geborenen Baby verkauft.

Also ich erzähle euch jetzt mal, wie es war, als wir mit unserem kleinen Windelpupser nach Hause gekommen sind und dann einfach nur versucht haben das erste Jahr zu überleben. Und wenn ich sage, überleben, dann meine ich auch überleben!

Denn seien wir doch mal ehrlich. Meint ihr, man wird auch im geringsten auf diese Situation vorbereitet? Man hört von Mehrfachmamas immer "Die Umstellung von keinem auf ein Kind war wirklich heftig." Aber was heißt denn heftig?

Ok. Die Geburt war überstanden und mein Mann und ich kamen endlich aus dem Krankenhaus heim. Wir waren, wie alle frischgebackenen Eltern, total aufgeregt und freuten uns endlich wieder zu Hause zu sein. Ich sah noch aus, wie der Tod persönlich, weiß, blass, müde, die Augenringe hatten bereits Augenringe, aber ich war glücklich. Ich konnte, dank des Kaiserschnitts, immer noch kaum laufen, geschweige denn meine Tochter alleine hochnehmen. Eine Jeans konnte ich auch noch nicht tragen, weil der Bund zu sehr auf die noch frische Wunde gedrückt hat, sodass ich nur noch in einer, leider absolut nicht dem aktuell entsprechenden Trend, Jogginghose rumschleichen konnte.

So, da standen wir nun vor unserer Haustür. Mein Mann mit dem MaxiCosi im Arm. Unsere Tochter eingepackt in Body, Langarm-Shirt, einem roten Strampler mit süßen kleinen grünen Fußsohlen, die man aber dank der süßen Söckchen nicht gesehen hat, einem Mini-Mützchen und einer rosa Baumwolldecke. Immerhin waren es 20 Grad, da darf das Baby ja nicht frieren. Die Große kam Ende Oktober 2013...wer rechnet denn dann noch mit solchen Temperaturen? Egal anderes Thema.

Zu Hause im Chaos

Wir kamen also endlich zu Hause an. Die Wohnung war leider nicht so aufgeräumt und so wundervoll sonnendurchflutet, wie in der Waschmittel-Werbung, da mein Mann die letzten Tage wirklich besseres zu tun hatte, als sich um den Haushalt zu kümmern. Unsere Tochter musste beim Standesamt angemeldet werden. Dafür mussten sämtliche Papiere zusammengesammelt werden und wehe man vergisst etwas, dann darf man gleich wieder losfahren. Das Krankenhaus, in dem ich entbunden habe bietet leider keine "automatische-Kind-Registrierung" beim Standesamt, Bürgerbüro, Finanzamt, Krankenkasse, Arbeitgeber, und überhaupt das dieses Baby jetzt endlich da ist, an. Im nachhinein betrachtet war das alles nicht so schwierig, aber es ist halt im ersten Moment schwer sich an etwas zu erinnern, was man einfach nicht weiß. Neben dem ganzen Bürokratie-Scheiß musste mein Mann auch ein bisschen Schlaf nachholen und uns Mädels natürlich auch im Krankenhaus besuchen. So bleibt der Haushalt einfach mal liegen.

Ich hab´Huuuunger

Die Kleine, "sie-muss-der-sibirischen-Kälte-trotzen" angezogene Tochter, schlief zum Glück tief und fest, sodass wir schnell in der Bude klar Schiff gemacht haben und uns endlich auf die heimische Couch verkrümeln konnten. Kaum dort angekommen, stellte sich schon die erste Frage: "Was essen wir gleich?" ... nach kurzem überlegen war klar, es muss was schnelles leicht zuzubereitendes sein. Wer kommt drauf? Richtig! Es gab erstmal Tiefkühlpizza.

Mein Mann flitzte zum Dorf-K+K und holte uns die Gute von Ristorante. Unser Pamperspupser schlief immer noch tief und fest. Die Pizza im Backofen verbreitete schon einen wahnsinnig geilen Duft nach fettiger, ungesunder TK-Pizza und ich freute mich endlich was anderes, als das "super-leckere" Krankenhausessen, in mich hineinzustopfen. Ich muss dazu sagen, wenn ich stille, habe ich wahnsinnig schmacht und könnte dreimal am Tag ein halbes Schwein auf Toast verputzen. Kaum, aber wirklich kaum holte mein Mann die Pizza raus, schrie das Babylein auf. Ich mich also in mein Stillkissen verzogen und angefangen zu stillen, während vor mir auf dem Tisch die Pizza unangerührt langsam aber stetig vor sich abkühlte.

Mein Kind war keins dieser "ich-sauge-3-Minuten-pro-Brust-und-bin-satt"-Baby, sondern ein "ich-brauche-mindestens-eine-halbe-Stunde-pro-Seite"-Baby. Also saß ich da und schmachtete meine, mittlerweile wieder TK-Pizza an. "Naja, nicht schlimm," hab ich gedacht - ich war noch voller Optimismus und die Hormone tun ihr übriges dazu - "ess´ ich sie eben kalt und später gibt´s was warmes."

Ha! Pustekuchen. Tage später und der Realität ein ganzes Stück näher, war mir klar, dass dieses Baby es sich zur absoluten Hauptaufgabe gemacht hat, immer, aber auch immer wach zu werden, sobald ich etwas zu Essen vor mir gesehen habe. Es war absolut egal, ob ich vorher gestillt habe oder wie lange. Es war ihre Bestimmung!

Bald ist Weihnachten, dann dusche ich wieder

Leider trat dieses Phänomen auch in anderen Situationen auf. Ich war immer so ein "lang-Duscher". Ich verstehe nicht, wie andere, zum Bleistift mein Mann, unter die Dusche hüpft, sich wäscht und 2 Minuten später wieder raus kommt. Nein - ich muss da erstmal rein und mindestens eine halbe Stunde über den Sinn des Lebens nachdenken, mir dann die Gebrauchsanleitung des Shampoos auf der Rückseite durchlesen und dann, erst dann fange ich an mich zu waschen.

Nun aber hatte ich dieses kleine in die Windel pupsende und an meiner Brust nuckelnde Baby...also was tun? Meine Hebamme gab mir den super Tipp "Nimm sie doch einfach mit rein". Ich war hochmotiviert und setzte das erstmal in die Tat um. Was soll ich sagen? Es war das schlimmste was ich hätte machen können. Ihr glaubt nicht, wie wahnsinnig glitschig so ein eingeseiftes, nasses, nacktes Baby sein kann. Ich hatte Stress ohne Ende und stand kurz vorm Burn-Out in diesen 5 Minuten unter der Dusche mit der Angst, dass sie mir da gleich aus den Händen flutscht.

Also schnell wieder raus...ich war ja jetzt zumindest nass, das musste reichen. Die nächsten Versuche zu duschen liefen ungefähr so ab: Ich rein unter die Dusche, Baby schreit wie wild, weil wegen ihrer Bestimmung mich vom Leben abzuhalten, der Papa tut alles in seiner Macht stehende das Baby zu beruhigen. Ich schwitze unter der Dusche wie eine Sau, weil ich es nicht haben kann, dass sie sich so in das Geschrei reinsteigert und sie mir auch noch dazu wahnsinnig leid tut - Mutterinstinkt und so. Ich schnell wieder raus. Anziehen. Haare föhnen - kannste vergessen. Schminken - kannste vergessen. Und das Baby wieder ab an die Brust.

Klo oder doch Urlaub?

Und dann der Gang zur Toilette - nein, jetzt kommt nix ekliges - der Gang zur Toilette...das war meine Auszeit. Ich saß da auf der Schüssel. War ganz allein. Niemand schrie. Ich konnte einfach kurz für mich sein. Durchatmen. In mein Handy schauen. Hach - das war wie Urlaub im Paradies. Diese 2 Minuten waren meine Rettungsinsel.

Und während ich da so saß und über den Sinn des Lebens nachdachte, wurde mir klar "Du bist jetzt Mama! Du wirst nie wieder alleine sein! Du wirst dich dein Leben lang um dieses kleine Geschöpf sorgen! Du wirst bei jedem Aufschrei und bei jedem Hilferuf, alles stehen und liegen lassen! Du wirst, wahrscheinlich, nie wieder länger als 5 Minuten duschen! Du wirst nie wieder warmes Essen essen! Und du wirst das gerne tun!"

Und meine Bestimmung war heulen: Ja, mir kamen die Tränen, jedes Mal, wenn sie geschrien hat, jedes Mal wenn eine Nivea-Werbung lief - das passiert mir heute manchmal noch -, jedes Mal, wenn sie mich angelächelt hat, jedes Mal, wenn ich nur einen Hauch Glück verspürt habe und auch das passiert sehr häufig mit einem Baby. Und ich habe es noch nicht geschafft ihr "Happy Birthday" zu singen, ohne, dass meine Stimme tränenerstickt weggebrochen ist. Vielleicht ja dieses Jahr im Oktober - das wäre der 4te Versuch.

Also mein Fazit: die Umstellung ist wirklich heftig. Aber dank Mutter Natur und den lieben Hormonen kriegt man das alles irgendwie hin, zwar unter Tränen - auch wenn es nur Freudentränen sind. Und zwar so gut, dass wir im März 2017 unsere zweite Tochter bekommen haben.
Diesmal auf natürlichem Wege..aber das ist eine andere Storie.

7 Comment

  1. Ich kenne diese heftigen Gefühle auch, hatte es glaich im Doppelpack mit unseren Zwillingen. Also von 0 auf 2. nicht lustig. Beim zweiten Mal wieder Zwillinge: ja: richtig gelesen. 2 mal Zwillinge. Und um nicht wieder an meine Grenzen zu kommen, hatten wir eine Wohnhelferin, die bei und gewohnt hat (mietfrei) und und unterstützt hat mit den Kindern. Das war Gold wert. Könnt ihr auch finden auf http://www.room-and-Care.com. Ich bin ohnehin der Meinung dass Mamas sich mehr Hilfr holen sollen. Niemand muss uns soll diese anstrengende Zeit alleine dastehen.

    1. Krass 2x Zwillinge ! Hut ab!
      Meine Zwillis sind grad drei Monate , mehr brauche ich dazu wohl nicht sagen.
      Es ist die größte Liebe die man im Leben trifft, aber auch der heftigste Job!
      Alles Gute für Sie!!!

  2. Hihi…jaja, letztens traf ich eine Kollegin, schwanger, aber wegen Röteln im Nachbarbetrieb auf Langzeiturlaub…sie klagte über den Elterngeld/zeit/etc.-Antrag und ihren Umzug. Ich mit Kind No 2 unterm Arm dachte nur, jaja, in wenigen Monaten wirst auch Du wissen, dass den Elterngeldantrag ausfüllen und Umzug dein letzter Wellnessurlaub waren…aber jede muss halt so ihren Weg gehen und das alles für sich selber rausfinden.

    1. Hihihi…ja, diese Gedanken kenne ich 😀 Und auch wenn sich eine SChwangere, die das erste Mal ein Baby bekommt, mir erzählt, wie sie sich das alles nach der Geburt vorstellt und so. Solche Gedanken habe ich mir auch gemacht und was war dann? Alles ist sowas von anders verlaufen 😀

  3. Herrlich! Diesen Artikel hätte ich vor 7 Jahren gebrauchen können!!! Jetzt 3 Kinder später freue ich mich, wenn ich alleine duschen darf und ohne Flecken vor die Tür komme. Hier ein kleiner Trost: es wird besser. Allerdings wird man dann auch wehmütig, weil man weiß, dass die Babyzeit zu Ende geht. Der Artikel spricht mir aus der Seele. Toll geschrieben, Danke.

    1. Hey Susanne,
      ach cool, dass dir der Artikel so gut gefällt. Ich freue mich. Ja, das kleine Baby-Mädchen ist nun 4 Jahre alt und auch ich kann bestätigen, dass es wirklich besser wird. Und weil ich die Babyzeit so vermisst habe, haben wir einfach eins nachgelegt 😀
      LG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.